Der König trägt eine Krone aus Eis. Er heisst Ortler, misst 3.905 m und ist der höchste Berg Südtirols, ausserhalb der Bernina-Gruppe auch der höchste Gipfel der Ostalpen. Bis 1919 war er der höchste Punkt der gesamten österreichisch-ungarischen Monarchie. Und du umrundest ihn ganz.
Der Ortler Höhenweg (Alta Via dell'Ortles) ist kein Ausflug. Es ist eine Runde von rund 120 km, aufgeteilt auf sieben Etappen zu je sechs bis neun Stunden. Dabei kommen über 8.100 Höhenmeter zusammen, im Schnitt gut 1.100 pro Tag. Die Route umrundet den Nationalpark Stilfserjoch, wechselt vom Südtiroler Vinschgau ins lombardische Veltlin und wieder zurück. Start und Ziel: das Stilfser Joch, der zweithöchste Strassenpass der Alpen.
Das Gelände hält sich nicht mit Höflichkeiten auf. Die erste Etappe schickt dich über die berühmten 48 Kehren hinunter, vorbei an den Resten alter Militärbaracken. Denn das hier ist nicht nur Landschaft, es ist Schlachtfeld. Der Kamm Ortler–Cevedale war die höchstgelegene Front des Ersten Weltkriegs, der sogenannte Weisse Krieg: Schützengräben, Stollen und Artillerie über 3.000 m, an Stellen, an die man heute mit dem Pickel steigt. Der Stacheldraht liegt seit hundert Jahren im Fels. Du gehst durch Geschichte, nicht an ihr vorbei.
Das härteste Stück kommt früh. Die zweite Etappe von Stilfs zur Düsseldorfer Hütte (2.720 m) legt fast 1.800 Höhenmeter am Stück vor, dafür hebst du dir Waden und Demut auf. Der dritte Tag führt über hochalpine Scharten zur Zufallhütte (Rifugio Nino Corsi, 2.294 m), wo in Portionen ohne schlechtes Gewissen gekocht wird. Die vierte Etappe ist die Krone der Runde: die Gletscherüberquerung zum Rifugio Pizzini (2.457 m). Geh dort nicht ohne Bergführer hinein, Spalten verzeihen nichts und das Seil ist hier keine Dekoration. Das Pizzini steht direkt an der einstigen Frontlinie.
Danach überschreitet die Route die Sprach- und Regionsgrenze in die Lombardei, führt über Sant'Antonio in der Valfurva (1.788 m) hinab zu den Stauseen von Cancano (1.960 m) und zieht dich auf der letzten Etappe wieder hinauf aufs Stilfser Joch, noch einmal knapp 1.800 Höhenmeter, damit du weisst, dass das kein Spaziergang war. Die ganze Zeit hast du die Gletscher der Ortler-Alpen an der Seite, ein Massiv mit rund hundert Gletscherzungen.
Für wen ist das? Für erfahrene Hochtourengeher mit Kondition und Kopf. Die Schwierigkeit ist hoch: lange Tagesetappen, viele Höhenmeter, Schnee und Eis auch im Sommer, eine Etappe mit Gletscherausrüstung und Führer. Wer den ersten Höhenweg seines Lebens sucht, ist hier falsch. Wer Alpendurchquerungen hinter sich hat und Wetter lesen kann, bekommt eine der rauesten und stillsten Runden der Alpen.
Wann? Die Saison ist kurz: Juli, August, September. Früher liegt Firn in den Scharten, später wird es hart. Ausserhalb dieses Fensters ist vor allem die Gletscheretappe ein Glücksspiel.
Wie reservieren? Jede Hütte einzeln und früh. Düsseldorfer Hütte, Zufallhütte, Rifugio Pizzini und die anderen gehören Alpenvereinen und italienischen Rifugi und sind Monate im Voraus ausgebucht. Plane die Etappentermine, frag jede Hütte einzeln an und buche für die Gletscheretappe getrennt einen Bergführer. Ohne Reservierung und ohne Führer auf dem Gletscher lohnt der Aufbruch nicht.
Sieben Tage rund um den König. Hinauf, aufs Eis, in die Gräben des Ersten Weltkriegs und zurück auf das Joch, von dem du losgegangen bist. Der Ortler schaut dir die ganze Zeit von oben zu. Die Frage ist nicht, ob du ihn siehst, sondern ob du ihm gewachsen bist.
Wähle das Startdatum, bei jeder Nacht auf der Route siehst du sofort die freien Betten und reservierst direkt über das offizielle System des Alpenvereins.